SOAB in China

Abflug

Wir lungern unentschloßen in der Abflughalle des Hamburger Flughafens herum und machen inmitten der umherschwirrenden Business Dressen und Alu-Koffer einen ziemlich vergammelten Eindruck. Helmut Schmidt grinst uns keck unter seinem Elbsegler hervorlugend an. Ich muss an meinen Opa denken. Wenn der wüsste...

Keiner von uns hat in den letzten Tagen gut geschlafen, sei es aus Anspannung, wie bei mir, oder weil sie in den letzten Tagen versucht haben, die nächste Woche möglichst "rauszuarbeiten", um keinen all zu beschissenen Start ins normale Leben in acht Tagen zu haben. Darf man sowieso keinem erzählen, was das in den letzten 48 Stunden schon wieder für ein Akt war, überhaupt die Reise antreten zu können. Ich spiele in Gedanken, das Telefonat mit dem chinesischen Sachbearbeiter der Visumsvergabe in Berlin durch. Was hat er nochmal geiles gesagt? "Das nächste mal, machen Sie ein bisschen mehr Zack, Zack, oder sie bleiben dann alle Mal zu Hause!" Ich muss grinsen, ist ja nicht so, dass wir das hier schon seit Monaten planen. Und trotzdem hat unser Sänger Horsti erst gestern die dringend benötigten Visa in Berlin abholen können. "Die Auskünfte zu den Hotels fehlen, die Flugnummern passen nicht, wir brauchen noch eine Bestätigung ihres Arbeitsgebers", ein Wahnsinn das alles. Nun scheinen wir es aber tatsächlich gepackt zu haben, alle Mann an Deck. Neben mir steht Paul, der tatsächlich noch schlacksiger wirkt als ich. Er hat sich damals direkt auf das Abenteuer eingelassen, noch am Telefon hat er mir fest zugesagt und im Anschluss alle Termine für die Woche gestrichen. Als Gegenleistung wollte er nur die Kohle für einen Reisepass haben, das hier ist tatsächlich seine erste interkontinentale Reise. Und das gleich mit uns, hoffentlich will der nicht schon beim Hinflug aus dem Notausgang springen. Hat doch neulich irgend eine Verrückte probiert. Hat das eigentlich hingehauen? War das nicht sogar in Asien? Ich werde aus meinen Tagträumen gerissen. Der Gänsemarsch zum Checkin beginnt. Fünf Vögel vom Mecklenburger Land, die sich zu Schulzeiten als Band mit hirnrissigem Namen zusammengetan haben, und drei andere Typen starten gemeinsam in ein Abenteuer. Wir werden zusammen das größte Rock-Festival Chinas spielen, das MIDI in Suzhou.

Der Plan zu dieser Tour gährte schon eine ganze Weile in uns. Über, unzählige Ecken und Kontakte, teilweise entstanden auf unserer letzten Tour in Russland sind wir eingeladen worden, zu einem Festival vergleichbar mit dem Rock am Ring, nur eben 10.000 Kilometer weit von zu Hause weg. Irgendwie haben wir das alle noch nicht so wirklich geschnallt...

Ein Vorgeschmack haben uns in den letzten Monaten immer wieder Youtube Videos geliefert, verwischte, verwackelte Handyvideos, zum teil aufwendig produzierte HD-Schmankerl, allesamt zeigten sie eine unfassbare Menschenmasse, die irgendeinem uns unbekannten asiatischen Star zujubeln. Wir sind jedes mal aufs neue elektrisiert gewesen. Ich versuche immer wieder etwas euphorische Grundstimmung aufkeimen zu lassen, so etwas wie "Krass, dass wir jetzt echt fahren, oder? Der Hammer, das größte Rockfestival in China!" So richtig einschlagen können meine Kommentare aber nicht und außer dumpfen Gegrunze ernte ich wenig Begeisterung. Na gut, wenn das alles nichts nützt. Ich besinne mich auch ein Jahrtausende altes Rezept, das den Menschen seit jeher durch angespannte Phasen leitet. SAUFEN. Nachdem die anstrengede Sicherheitskontrolle mit ein paar Aluminumgeschossen runtergespült wurde, ist die Stimmung gleich ganz anders.